BILDHAUEREI HAT TRADITION

Als hervorragendes Material für Bildhauerarbeiten hat uns eine Laune der Natur den hellgelben, feinkörnigen Stein geschenkt. Sedimente, vor 140 Mio Jahren von kreidezeitlichen Flüssen hier abgelagert.

  

Schon vor 850 Jahren wurde der Stein zum Bau des Mindener Domes genutzt. Romanisch und gotisch bauende Landesherren und Kirchenfürsten türmten den sauber bearbeiteten Stein zu Burgen und Klöstern.

Doch erst die baufreudige Renaissance erhob den Obernkirchener Sandstein in ganz Nordeuropa in den „Adelsstand“. Er avancierte unter dem Einfluss der italienischen Renaissance zum begehrten Material für die detailreiche Fassadenzier von Schlössern, Kirchen, Rathäusern oder den Wohnsitzen des Landadels im Weserraum.

Als „norddeutscher Marmor“ war er jahrhundertelang konkurrenzlos für qualitätsvolle Grabdenkmalskunst. Auf dem jüdisch-sephardischen Friedhof in Altona, der auf dem Weg zum UNESCO-Weltkulturerbe ist, sind 5000 von den ca. 6000 erhaltenen Grabsteinen aus Obernkirchen.

Als Folge regen Bautätigkeit entwickelten sich in Obernkirchen qualifiziertes Handwerk und eine künstlerische Blüte in zahlreichen Steinhauerwerkstätten. Herausragende Bildhauerpersönlichkeiten waren Hans Wulff (Stadtkirche und Schlosstor in Bückeburg) und Georg Tribbe (Epitaphien für die Celler Herzöge).

Einen frühbarocken manieristischen Taufstein von Hans Wulff und das Alabaster-Marmor-Epitaph des Georg Tribbe, im sog. Ohrmuschel-Knorpelstil, finden Sie in der Stiftskirche St.Marien am Platz. Der Sandsteintisch neben dem Kulturcafe „Trafohaus“ besteht übrigens aus einer Säulenbase der romanischen Basilika und dem ehemaligen Sockel des Taufsteins in der Kirche.

Über Jahrhunderte hinweg hatten die Obernkirchener ein ambivalentes Verhältnis zu ihrem Sandstein. Auf der einen Seite war er stabiles, wirtschaftliches Fundament, auf der anderen Seite hatte die Arbeit mit ihm eine kurze Lebenserwartung zu Folge.

Die Silikose raffte die Steinhauer in der Regel zwischen dem 36ten und 38ten Lebensjahr dahin. Erst leistungsfähige Absaugmaschinen machten dieser Geißel der Steinhauer ein Ende.

Der feinste Sandstein wird auch heute noch ausschließlich in der Kammlage des Bückeberges abgebaut. Veredelt durch die Hand zünftiger Steinmetzen und begabter Bildhauer, verdanken Dome, Schlösser, Rathäuser aber auch eine Vielzahl von Kunstwerken diesem Stein ihre prachtvolle Erscheinung.

Der Skulpturenweg führt Sie unter anderem auch zum Steinhauerplatz. Dort haben die „Obernkirchener Sandsteinbrüche GmbH“ ihre Betriebs- und Verwaltungs-gebäude. Die GmbH besitzt die Abbaurechte in den landkreiseigenen Steinbrüchen.

Nachdem die gräflich Schaumburgischen Brüche im Mittelalter durch die klösterliche Bauhütte ausgebeutet wurden, verpachtete sie der Graf nach der Reformation an die Meister der Obernkirchener Steinhauerzunft. Diese schlossen sich nach Auflösung der Zunft 1870 zu einer Aktiengesellschaft zusammen.

Heute stellt der Betrieb Material zur Fassadengestaltung her, beliefert nebenbei immer noch die Bauhütte der Dauerbaustelle des Kölner Domes, übernimmt Restaurationsarbeiten.

Am Kirchplatz liegt auch das Berg- und Stadtmuseum der Stadt Obernkirchen mit einer sehr informativen Ausstellung zur Geschichte des Sandsteines und der Obernkirchener Steinhauerzunft. Beginnen Sie von hier aus, gut vorinformiert, Ihre persönliche Begegnung mit Kunst auf einem Spaziergang zu den über 50 Skulpturen in Stadt und freier Landschaft.